Lübeck: Mustel, Paris, Bj. 1928
Es handelte sich um ein II-manualiges Mustel von 1928, das wieder in einen gut spielbaren Zustand versetzt werden sollte. Aktuell plagte das Instrument ein massiver Windverlust.
Das Instrument hatte schon viel durchgemacht, wie man an den beiden abgedeckten Registerbohrungen und an der unteren Klaviaturbacke erkennen konnte.
Es war einmal... Bei II-manualigen Instrumenten, lag die Teilung der Doppelexpression zwischen Ober- und Untermanual.
Vor vielen Jahren wurde die Balganlage unter Verwendung von Altteilen neu aufgebaut. Den Aufwand der Rekonstruktion der Doppelexpression, hatte man allerdings gescheut.
So auch die Rekonstruktion der beiden Prolongements, was die Abdeckungen an den beiden Klaviaturbacken des Untermanuals erklärt.
Die Windkastendichtung, bestehend aus harter Dichtwulst und noch härterem Viledon, wurde mit viel Weißleim aufgeleimt und musste als erstes weichen.
Seitlicher Blick auf den Magazinbalg. Die Lederteile waren in wunderbarem Zustand, der Balg wurde ordentlich gemacht. Das für den Wiederaufbau verwendete Holz, war eher zweckmäßig.
Die Schöpfventile sahen eigentlich ganz gut aus, auch wenn die Kombination aus Leder und Filz die Ventile an einigen Stellen etwas rund werden ließ.
Leider waren es "einige Stellen" zuviel, denn eine Überprüfung ergab massiven Windverlust an den Ventilen.
Die nächste Baustelle war das Registerbrett. Vermutlich durch zu trockene Lagerung, war der schwarze Schellack in den Registeröffnungen über weite Bereiche abgeplatzt und hatte sich im ganzen Instrument verteilt.
Die Auslassventile sollten eigentlich durch ihr Eigengewicht schließen, taten sie hier aber nicht (alle!).
Konstruktionsbedingt schwinden die Bereiche zwischen den Schlitzen (in Längsrichtung) weg, sodass die Ventile nicht mehr vollflächig aufliegen können. Daher musste behutsam abgerichtet werden.
Der lose Schellack in den Ventilschlitzen wurde mit grobem Schleifpapier abgelöst, dann konnte die Reinigung erfolgen.
Mit einer feinen Messingbürste, Pinsel und Druckluft, konnte das Leder gereinigt und wieder "flauschig" gemacht werden.
Durch den direkten Kontakt mit dem Ventilleder, waren die Ringschrauben der Ventilfedern stark verrostet. Das kann dazu führen, dass die Ringschrauben irgendwann abbrechen oder keinen Halt mehr im Holz finden.
Nach dem Ultraschallbad und zwei Tagen in der Poliertrommel, sahen die Schrauben wieder etwas vernünftiger aus. Hier geht es übrigens nicht um Optik, sondern um Korrosionsschutz!
Die Auslassventile fielen ja nicht freiwillig zurück, wie dieses Exemplar hier eindrücklich beweist.
Also wurde jedes Ventil demontiert, die Achse gereinigt, die Laufbuchse etwas geweitet und alles wieder zusammengebaut.
Der ging dann auch schon los. Leider hatte ich vergessen den Schellack der Ventilschlitze zu erneuern, daher mussten die ersten Registerventile wieder ausgebaut werden.
Aber irgendwann war alles wieder an Ort und Stelle und zumindest optisch machten die Ventile nun einen guten (dichten?) Eindruck, obwohl auf die Zusatzfedern verzichtet wurde.
Die Auslassventile lassen den Druck in der Kanzelle schnell entweichen, wenn das Registerventil geschlossen wird/ist.
Bei offenem Registerventil sackt das Auslassventil ab und bedeckt den Auslasskanal (Loch unter der Ventilscheibe), kein Wind kann entweichen.
Es wurde eine neue Dichtwulst in passender stärke angefertigt. Im Bild sieht man den Lederstreifen mit fixiertem Filzkern. Erst im nächsten Arbeitsschritt wird eine Wulst daraus.
Vor lauter "Schaffen" hatte ich dann das Fotografieren vergessen. Hier ist die Wulst schon an Ort und Stelle. Da die Trennung vorne / hinten (I. Man / II. Man) an diesem Instrument aufgehoben ist, dient die Wulst am Mittelsteg nur noch zur Abstützung des Registerbrettes.
Da die Dichtung größtenteils noch gut und weich war, wurden nur die beschädigten Bereiche ausgetauscht.
Hier sieht man die Ventilwippen des II. Manuals (li Bass-, re Diskantbereich). Im Diskant (ab f°) gab es mal ein Prolongement, Betonung liegt auf GAB.
Das war alles, was vom Prolongement des II. Man. übrig war, der Rest wurde gründlich entfernt. Auch das Bass-Prolongment (C - e°) des I. Manuals wurde entfernt.
Der Ausbau der Ventile brachte nichts Gutes an den Tag - Risse über Risse! Die Lade wurde schon einmal repariert, mit mäßigem Erfolg.
Fast ein Wunder, dass hier überhaupt noch etwas ging. Hier sieht man die sich lösende Ventiledecke im Bereich des 2. Spiels.
Um diese Lade richten zu können, mussten alle Zungen ausgebaut werden. Hier sieht man auch gut, dass alle Schiede zusätzlich mit Leder abgedichtet wurden.
Dann ging es mit der Behebung von Schäden an der Innenseite los. Hier sieht man z.B. einen gebrochenen Kanzellensteg.
Die Schrauben der hinteren Ventilfedern stachen mit ihrer Spitze leicht durch die Ventildecke. Da man es nicht besser wusste, kleisterte man hier alles mit Kitt zu. Folge - der Kanzellenschied saß nicht mehr richtig und konnte nicht abdichten.
Die Lade -mit ihren vielen Reparaturversuchen- spiegelt die Hilflosigkeit der früher hier handwerkenden wider.
Auch kleine Defekte, wie hier eine nicht komplette Lederdichtung an der Stirnseite eines Kanzellenschiedes, führen beim Harmonium oft zu einer massiven Beeinträchtigung.
Zwei Schiede waren so rund, dass sie abgerichtet und ergänzt werden mussten, sonst hätte es mit der Dichtung nicht geklappt.
Beim diesem Instrument sind die Spiele des II. Manuals durchgehend, also ohne Trennung in Bass und Diskant.
Dabei wird Leim in die betroffenen Kanzellen gegeben, welcher dann auch in die Schadstellen fließt. Anschließend werden Zwingen angesetzt und das Ganze zwei Tage zur Trocknung gestellt.
Nach fast zwei Wochen waren alle losen Partien verleimt. Im Bass waren alle 5 Spiele betroffen, im Diskant 4 von 8.
Beim letzten Reparaturversuch hatte man an der hochstehenden Ventildecke (links vom Schlitz) Material abgenommen. Da der Bereich nun wieder fest verleimt war, fehlte dieses, die Ventile hatten keine saubere Auflage mehr.
Im Bild sieht man vorne die eingefräste Leiste des 16' und dahinter eine an den 4'- Ventilschlitzen.
Nun mussten die Ventilschlitze wieder freigelegt werden. Zuerst wurde der Leim ausgebohrt, dann mit der Handfräse der Rest entfernt.
Dann ging es an das Abrichten der Ventilfläche. Am Schluss war vom ausgefrästen Riß fast nichts mehr zu sehen.
Zwar wurden für jedes Spiel und jeden Bereich (Bass / Diskant) die Schrauben separat gesammelt, trotzdem mussten sie nun erst nach Größe sortiert werden.
1050 Schräubchen auszudrehen ist eine Sache, diese wieder einzudrehen eine ganz andere Herausforderung.
Dazu kamen 44 Schräubchen und ebensoviele Messingmuttern an der Prolongementvorrichtung der hinteren Ventile.
Diese Vorrichtung ist zwar ungenutzt (Prolongement wurde vor Jahren entfernt), trotzdem musste alles funktionstüchtig und fest sein, da hierüber auch die Tasten auf die Ventile drücken.
Zum Schluss wurden noch die Registerstecher eingesetzt. Der 6te von rechts ist noch etwas hoch, da die Expression einen neuen Stecher erhielt, dessen Länge aber noch unklar war.
Nach längerem Suchen wurden die Schraubenlöcher der ehemaligen Zusatzfedern als Störquelle ermittelt und verschlossen.
Hier sieht man eine der sich lösenden Frontplatten an den Klaviaturbacken, welche buchstäblich nur noch am seidenen Faden hingen.
Es folgte der Einbau des Klaviaturrahmens für Manual II. Im Vordergrund sieht man die festgesetzten Klappen des Metaphone (wurde früher stillgelegt, Mechanik fehlt).
Wie nicht anders zu erwarten, bildeten auch die Tasten des II. Manuals eine schwungvolle Berg- und Talfahrt und mussten entsprechend reguliert werden.
Aber nun kam die Registermechanik rein ... und gleich wieder raus, denn es musste erst das Grand Jeu eingestellt werden, damit nicht alles auf einmal losgeht.
Die kleinen Hebel im vorigen Bild, drücken auf die hier sichtbaren Wellenärmchen aus Eisen. Ihre Einstellung war eine Geduldsprobe (genug AN, aber auch genug AB).
Und immer wieder Testdurchgänge. Mal sehen, ob es nächste Woche mit der Registermechanik klappen würde.
Da es immer wieder Auslassventile gab, welche im GJ Blasgeräusche verursachten, die nicht näher lokalisiert weden konnten, verschloss ich alle Bohrungen, um dann Kanzelle für Kanzelle überprüfen zu können.
Aber auch diese Geduldsprobe ging vorüber und nun arbeiteten "Grand Jeu" und "normale Registermechanik" perfekt zusammen.
Dank der massiven Rückenleiste am Fortekasten, war das ständige Auf- und Zuklappen des Werkes kein großes Problem.
Hier sieht man den funktionslosen Balg des "Forte expressiv", welches ja nicht mehr vorhanden war. Er wurde als "Zeitzeuge" so belassen.
Das Gute an langen "Erprobungsphasen" ist, dass man auch auf gut versteckte Mängel aufmerksam wird. Hier waren es Risse an den Registerumlenkungen, die dafür sorgten, dass sich die Teile nicht richtig fest montieren ließen.
Dieses Mechanikteil des "Forte fixe" sah auch schon bessere Tage. Das ummantelnde Klebeband hatte sicher schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel.
Weißleim, Kontaktkleber und Klebeband konnten am Ende dem Dampf nicht widerstehen. Neuanfertigung? - mal sehen.
Ich entschied mich doch für eine Neuanfertigung, die Leimflächen der Bruchteile waren zu schlecht und zu klein.
Nun konnten die Umlenkungen wieder fest verschraubt werden, nichts war mehr locker oder konnte scheppern.
Nach dem Auffrischen der Oberfläche, konnte nun die Montage folgen. Die tolle Flammung des Palisanderfurnieres war übrigens aufgemalt, das aber sehr kunstvoll!
Dazwischen werden mit feinsten Werkzeugen die teils kleinsten Zungen vorsichtig bearbeitet. Hier sieht man gerade die Vorbereitung zur Stimmung der Voix celeste 8'. Da hier immer 2 Zungen auf einem Ton erklingen, musste zur Bearbeitung der Stimmung jeweils eine stumm gemacht werden (hier der hohe Chor).
Nachdem der tiefe Chor gestimmt war, wurden die Fähnchen "umgesteckt" und die Bearbeitung der "hohen" Seite folgte. Zum Schluss wurden alle Zungen freigegeben und die Schwebungen auf Gleichmäßigkeit kontrolliert.
Bei der Aeolsharfe 8' sitzen die Zungen nicht gegenüber, sondern nebeneinander. Diese Zungen sind entsprechend kleiner und sensibler!
Aber dann war es geschafft. Mit der nun sauberen Stimmung entwickelte das Instrument eine wahrlich großartige Klangkraft. Auch im Grand Jeu ließ sich gut mit gezogener Expression spielen.
Juni 2025: An diesem Instrument war ich seit November 2024 tätig. Vermutlich durch falsche Lagerung, hatte das Mustel starke Schäden erlitten und war nahezu unspielbar. Nun war es wieder ein verlässlicher und klangschöner Begleiter für das tägliche Musizieren.
Mustel "No 3"
1928 wurde das Instrument eingentlich als vollwertiges Kunstharmonium mit zwei Manualen ausgeliefert. Über die Jahre wurden div. Einrichtungen entfernt, sodass es sich nun um ein "normales" Druckwindharmonium mit üppiger Disposition handelt.
Dispsition: (C - c'''', Teilung e/f (wo vorhanden))
0 Forte fixe, C Contre Basse 16', PP Basse Douce 8', B Basse 8', 2 Bordun 16', 1 Flute 8', 1P Flute Percussion 8', 6 Voix Celeste 8'
E Expression
3 Clairon 4', 4 Basson 8', 5 Musette 16', 7 Baryton 32', 8 Harpe Eolienne 8'
Hackenhebel: Grand Jeu
Stimmung: 442,3 Hz













































































